WAZ Wiesbaden. Aus Sorge vor Kuckuckskindern
lassen Männer immer häufiger die Gene ihrer Kinder testen.
Es geht um Unterhalt und Sorgerecht, aber meist um die schlichte
Gewissheit: "Wirklich ganz der Papa?"
Nüchterner könnte das Umfeld wohl kaum sein.
Ein Industriegebiet am Rande Wiesbadens, mittendrin ein rosafarbener
Zweckbau, in dem das ID-Labor (ID = Identifizierung durch DNA) ein
paar Räume angemietet hat. Schlichtes Linoleum bedeckt den
Boden der Büros, die nicht eingerichtet wurden, um zu repräsentieren,
um Kunden zu empfangen. Hier wird analysiert, gemessen und verglichen,
hier geht es um Zellen,um Moleküle, um Kettenreaktionen. Chemie
eben. Und doch, zwischen all den Reagenzgläsern, Objektträgern
und Petrischalen tun sich oft genug die Abgründe der menschlichen
Seele auf.
Fünf Jahre ist es her, dass sich die Molekular-Biologinnen
Kirsten Thelen und Angelika Lösch mit einer Idee aus den USA
selbstständig machten. Dort nämlich boten Labors länger
schon diesen Service an, bei ständig steigender Nachfrage.
Und auch das junge Unternehmen der beiden "promovierten Powerfrauen",
wie sie schon mal beschrieben werden, fuhr nach einem halben Jahr
Gewinne ein. 3000 Aufträge bearbeiten sie inzwischen pro Jahr,
zumeist von Männern auf der Suche nach der Wahrheit.
Was früher aufwändig und teuer war, lässt
sich heute innerhalb weniger Tage herausfinden. Ein paar Speichelproben,
vom Kind, vom Vater und am besten auch von der Mutter, genügen,
die Ungewissheit zu beenden. In den Zeiten der Gentechnologie muss
nicht mehr mühevoll der Kopf vermessen werden, bedarf es keiner
serologischen Gutachten von Blutgruppen. Notfalls reicht gar eine
Briefmarke, die der längst verstorbene Vater vor Jahren oder
Jahrzehnten einmal angeleckt hat.
Und auch wenn in 80 Prozent der im ID-Labor untersuchten
Fälle die Geschichte positiv ausgeht, wenn der vermeintliche
Vater auch wirklich der biologische ist, nicht immer bleibt das
Leben nach dem Test wie es zuvor gewesen ist. Frank Wendorf* etwa
hatte 17 Jahre lang ein Kind geliebt, das nicht das seine war. Lange
schon war der in Norddeutschland lebende Mann von seiner ersten
Frau getrennt, hatte vergeblich um das Sorgerecht für seinen
Sohn Christian gekämpft und sich schließlich damit abgefunden,
ihn nur alle 14 Tage sehen zu können. 17 Jahre nach der Geburt
seines Sohnes entschied sich Frank Wendorf nach langem Zögern
und trotz des schlechten Gewissens, einen von seinem Sohn gekauten
Kaugummi ins Labor zu schicken. So groß erschienen ihm die
körperlichen und charakterlichen Unterschiede zu seinem Sohn.
Zu häufig hatten die Leute im Dorf gefrotzelt, ob er nicht
wisse, dass seine Frau damals viel unterwegs gewesen sei, wenn er
Spätschicht gehabt hatte.
Das Ergebnis war vernichtend. Nicht nur, dass Christian
tatsächlich nicht sein Sohn war, Frank Wendorf und seine zweite
Frau hatten aus finanziellen Gründen darauf verzichtet, gemeinsam
ein Kind zu bekommen. Schließlich hatte Frank Wendorf all
die Jahre Unterhalt gezahlt. Wendorf hat heute Anspruch darauf,
dass ihm der Unterhalt der letzten Jahre zurückerstattet wird.
Vorausgesetzt, der leibliche Vater wird gefunden. Die Beziehung
zu Christian hält er aufrecht, doch die Tatsache, dass er all
die Jahre mit einer Lüge gelebt hat, dass er wegen des Kindes
auf manches verzichtet hat, ja, dass er kein eigenes Kind bekommen
hat, stürzte ihn in eine tiefe Krise.
"Kaum ein Mensch ist wirklich gut im Lügen",
sagt denn auch Angelika Lösch nach all ihren Erfahrungen mit
den Vaterschaftstests. Obwohl das ID-Labor seinen Kunden keine Beratungsgespräche
aufzwängt, erfahren die Biologinnen doch häufig, warum
man sich an sie wendet. Lösch: "Es ist, als ob sie sich
rechtfertigen müssten, wenn sie bei uns einen Test bestellen.
Häufig rufen die Kunden auch nach der Untersuchung noch einmal
an, fragen, ob das Ergebnis wirklich stimmt. Die meisten sind jedoch
erleichtert, endlich Klarheit zu haben."
Erleichtert, so wie jene Mittdreißigerin, die
ihr Leben lang mit dem Gefühl gekämpft hatte: "Irgendetwas
stimmt da nicht!" Ihre Geschwister waren blond, sie selbst
dunkelhaarig. Die Eltern hatte sie immer als auffällig distanziert
ihr gegenüber empfunden. Doch wann immer die Frau ihre Mutter
angesprochen hatte, hatte die den Verdacht abgetan. Angelika Lösch:
"Tatsächlich gab die Mutter nach dem Test zu, eine Affäre
mit einem Mann gehabt zu haben, von dem sie nur den Vornamen wusste.
Die Tochter war erleichtert, endlich Gewissheit zu haben, dass sie
sich all die Jahre nichts eingebildet hatte, dass sie nicht etwa
neurotisch war."
Zwei Fälle von Tausenden. Meist jedoch zweifeln
die Männer, die wie in dem bekannten Fall um Boris Beckers
Hotel-Abenteuer nur eine schnelle Affäre mit einer Frau hatten
oder deren Beziehung zum Zeitpunkt der Zeugung des Kindes schon
in der Krise steckte. Da reicht dann ein im Streit dahin geworfenes
"Woher weißt Du, denn dass es wirklich deins ist?",
die Angst um die wahre Vaterschaft anzustacheln.
Und so suchen immer mehr Väter letztendliche
Sicherheit durch einen Gentest. 15 000 solcher Tests werden inzwischen
pro Jahr in Deutschland gemacht. Mit Wissen aller Beteiligten, manches
Mal jedoch auch heimlich. Die Frage, ob ein Vater solch eine Untersuchung
ohne Wissen der Mutter machen darf, beschäftigt inzwischen
Gerichte, Datenschützer und auch das Bundesjustizministerium.
"Bei der jetzigen Rechtslage ist das Recht auf Selbstbestimmung
nicht gewährleistet. Wir halten das Einverständnis der
Mutter für dringend erforderlich. Außerdem sollten nur
zertifizierte Labors solche Tests durchführen dürfen,
um Seriosität zu gewährleisten", sagt denn auch Peter
Büttgen, Sprecher des Bundesbeauftragten für Datenschutz.
Auch das Wiesbadener ID-Labor hat sich inzwischen mit anderen zu
einem Verbund mit festen Richtlinien zusammengeschlossen.
Der Zweifel tatsächlich ist urmännlich,
denn schließlich kann nur eine Frau wirklich sicher sein,
ihr eigenes Kind auf die Welt zu bringen. Einer britischen Studie
zufolge wird jedes zehnte Kind als Kuckuckskind geboren.
Und der Zweifel lauert manches Mal im Verborgenen.
Das erlebte ID-Chefin Kirsten Thelen in der eigenen Familie. Als
sie vor der Gründung des Unternehmens probeweise den eigenen
Familien- und Freundeskreis durchtestete, kamen auch da Altlasten
zu Tage. Harmlos vergleichsweise, aber Thelens Schwiegermutter war
eindeutig beunruhigt. Hoffentlich komme da nichts Falsche raus.
Sie glaube es zwar nicht, aber man wisse ja nie. Hintergrund der
Unruhe war eine Verwechslung von Kirsten Thelens Schwager nach dessen
Geburt im Krankenhaus gewesen. Die Krankenschwester hatte das Baby
mit den Worten überreicht: "Da haben Sie aber ein niedliches
Mädel!" Das Versehen war kurz gewesen, die Babys schnell
wieder ausgetauscht. Es blieben eine Anekdote, aber auch ein unterschwelliger,
nie ernstlich thematisierter Zweifel.
Von Hayke Lanwert |