Die Idee mit dem ID-Labor feiert
ihr fünfjähriges Betstehen
WIESBADEN. Zwei Dinge können die Zukunft eines Kindes entscheidend
beeinflussen: 1. Es hat rote Haare. 2. Es sitzt gerne auf einem
Erdaushub. Beide Merkmale treffen jeweils auf die Molekularbiologin
Kirsten Thelen (rote Haare) und die Biochemikerin Angelika Lösch
(Erdaushub) zu. Die 41-Jährige (rote Haare) und die 38-Jährige
(Erdaushub) betreiben seit fünf Jahren ein Labor für DNA-Analysen,
[...].
"Ein Kind mit roten Haaren wird oft gefragt,
wo es die her hat, Vererbung hat mich daher schon früh interessiert",
sagt Thelen. Mit zehn Jahren verkündet sie ihrer Deutschlehrerin:
"Ich will Genetikerin werden." Löschs Berufswunsch
mit fünf Jahren: Insektenforscherin. "Meine Eltern bauten
damals, und ich saß immer auf dem Erdaushub und sortierte
alle Würmer und sonstiges Getier." Warum wir leben und
wie das alles funktioniert, stieß bei dem Mädchen auf
höchstes Interesse. Der Berufswunsch wird dann modifiziert:
Genetikerin. Dazu beigetragen hat "Das blaue Palais",
eine Wissenschaftssendung in den 70er Jahren.
"Bei mir waren es die 'Was-ist-was'-Bücher",
ergänzt Thelen. Als Erwachsene studieren beide in Frankfurt
Mikrobiologie, Biochemie, Humangenetik und lernen sich praktischerweise
kennen.
Nach ihren Doktorarbeiten arbeiten sie als "Postdocs",
eine Art angestellte Wissenschaftler; Kirsten Thelen landet im Pharma-Außendienst.
"Da las ich in der Ärztezeitung von einer Firma in den
USA, die mit dem genetischen Fingerabdruck arbeiteten. Ich dachte,
Mensch, das kannste doch auch." Zudem wurde in dieser Zeit
überlegt, genetische Fingerabdrücke von Tätern in
einer Datei zu erfassen. "Da erschien ein Markt am Himmel."
Das war 1998. Kirsten Thelen und Angelika Lösch trafen sich
auf einen Kaffee, Thelen trug ihre Idee vor, Lösch stieg sofort
ein. Innerhalb von drei Monaten passierte folgendes: Existenzgründerseminare,
Konzept, Bankenkredit über damals 300 000 Mark. Drei Monate
später hatten sie das "ID-Labor" im Kalle-Albert-Park
aufgemacht. "Da hatte sich eine Idee regelrecht entzündet",
erinnert sich Angelika Lösch. Ihre Idee: "Wir identifizieren
von Verwandtschaftsbeziehungen bis zu Verunreinigungen von Zellkulturen
mit Mikroorganismen alles, was sich durch die Analyse von DNA identifizieren
läßt." Ihre Dienstleistung sollte vorwiegend Privatpersonen
zu Gute kommen.
Damit hatten sie offenbar eine Marktnische entdeckt:
Bereits im ersten Geschäftsjahr verbuchten sie Zuwachsraten
von bis zu 700 Prozent. Dabei ging es - und geht es - überwiegend
um Vaterschaftstests. Für so einen Test reicht eine Speichelprobe.
Das Ergebnis liegt in der Regel bereits nach vier Tagen vor. Die
Tests laufen anonym ab und kosten 435 Euro. Waren es im ersten Jahr
250 Tests, so hat sich die Anzahl der Gutachten nun bei jährlich
3000 eingependelt. Der Umsatz des ID-Labors liegt im siebenstelligen
Bereich.
In den fünf Jahren ihrer Tätigkeit hat es
aber schon einen Wandel im Handel mit den Verwandtschaftsbeziehungen
gegeben: "Es sind mehr Anbieter auf dem Markt, so vergleichen
die Leute die Preise mehr", sagt Angelika Lösch. "Wir
gehören nicht mehr zu den günstigsten." Bei den Tests,
die oft auch vom Jugendamt initiiert werden, geht es um die Feststellung
der Vaterschaft. Väter wollen wissen, ob sie wirklich der Erzeuger
sind, also unterhaltspflichtig. Frauen wollen das per Test bewiesen
wissen. Die rein privaten Gutachten werden aber vor Gericht nicht
immer akzeptiert. Dazu muss der Mann die Speichelprobe bei einem
Arzt abgeben - und nicht selbst entnehmen -, und das Gutachten muss
vom Labor per Fotos und Fingerabdruck dokumentiert werden.
Bei ihrer Arbeit haben die beiden Frauen bemerkenswerte
Erkenntnisse gewonnen: "Auch Männer können arme Schweine
sein, und Frauen haben es oft faustdick hinter den Ohren",
sagt Thelen. "Ja, eine Mutter ist vor Gericht unantastbar",
ergänzt Lösch. Denn wenn eine Frau den wirklichen Vater
eines Kindes nicht angeben will, muss sie es nicht. Und nur über
den richtigen Vater habe ein Mann die Chance, ungerechtfertigt geleistete
Unterhaltszahlungen zurückzubekommen.
Aber auch wenn es so klingt, emotional läuft
es im ID-Labor nicht ab. "Die wenigsten kommen persönlich
vorbei, sondern schicken ihre Probe ein. Zudem haben sie meist lange
darüber nachgedacht, den Test zu machen", sagt Lösch.
Für die meisten Menschen sei ein wie auch immer geartetes Faktum
besser zu ertragen, als der Zweifel. Allerdings kann es auch mal
hart werden: Ein Mann, der mit seiner Familie in die USA übersiedeln
wollte, musste die Verwandtschaftsbeziehungen für die Einbürgerung
belegen. "Er und seine Frau hatten drei Kinder, keines war
von ihm", erinnert sich Thelen. "Das war für den
Mann völlig überraschend und ein riesiger Schock."
Zum gemeinsamen Umzug in die Staaten kam es dann auch nicht mehr.
Die Arbeitsaufteilung im Labor beschreibt am besten
folgender Dialog. Thelen (rote Haare): "Ich bin mehr für
die Zahlen zuständig." Lösch (Erdaushub): "Du
hast auch das bessere Namens- und Fällegedächtnis."
Thelen: "Und du bist eher die Qualitätssicherungsfrau.
Man kann sagen: Ich streiche die Wände, du machst die Ecken."
Lösch:" Nö, ich hol die Handwerker." Dass hier
ein Top-Team arbeitet, ist unbestreitbar.
Von Lia Venn
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