Ein Gespräch mit der Regisseurin
Annegret Ritzel über ihre Inszenierung der Mozart-Oper "Cosi
fan tutte" in Frankfurt am Main mit dem FR-Mitarbeiter Stefan
Schickhaus
FR: Wenn es eine Mozart-Oper gibt, deren Handlung
man als "widerlich" bezeichnen könnte, dann ist es Cosi
fan tutte. Würden Sie soweit gehen?
Annegret Ritzel: Nein, überhaupt nicht. Es ist
vielmehr ein Stück über die Wahrheitsfindung.
Aber um welchen Preis! Eine angeblich poröse
Frauenmoral soll hier aufgedeckt werden mit Mitteln einer Männermoral,
die absolut skrupellos ist. Vergleichbar einem Klatsch-Fotografen,
der für ein Oben-ohne-Bild jede Intimsphäre verletzen
darf.
Frauenmoral ist ja eine Männermoral - da müssen
wir bei Adam und Eva anfangen: Seit der Sesshaftwerdung des Menschen
im Patriarchat...
Das ist wirklich sehr weit hergeholt!
... musste der Mann eine Moral einführen, bei
der geklärt war, ob das Kind von ihm ist. Also ist die herrschende
Sexualmoral eine Männermoral. Und bei Cosi fan tutte geht es
eben darum, dass die Frauen nicht so sind, wie die Männer es
sich denken - was das Stück auch lange Zeit so brisant und
missverstanden gemacht hat.
Don Alfonso, der Drahtzieher der Handlung, hat
aber doch das Ende vorhergesagt: So unmoralisch sind die Frauen!
Die Männermoral geht hier von den beiden Paaren
aus, Don Alfonso widerspricht ihnen. Er sagt: Frauen haben Leidenschaften
und werden untreu sein, also anders sein, als man sich eine Frau
so vorstellt. Don Alfonso ist mit der Wahrheitsfindung schon weiter.
Er ist also der weise Philosoph, nicht der gefühlskalte
Hintertriebene?
Sein Spiel ist schon ein gemeines, ich würde
das nicht gerne mit mir machen lassen. Aber es ist auch der Versuch,
die anfangs sehr eindimensionalen Männer zu belehren. Das macht
auch die Musik ganz deutlich: Ferrando und Guglielmo singen zu Beginn
nur in Dreiklängen, simpel, unkompliziert harmonisch. Die Frauen
stellen sich da schon komplexer dar, und Alfonso hat die schwierigsten
Tonarten abbekommen.
Sie sehen das alles erstaunlich nüchtern.
Dieses subversive Spiel hinter dem Rücken der beiden Frauen
sehen Sie als eine "Versuchsanordnung", die der Wahrheitsfindung
dient.
Ist das nüchtern? Na ja, wenn die These stimmt,
es sei die Natur der Frau, mehrere Männer zu besitzen, dann
ist das für das patriarchale Empfinden eine deutliche Störung.
Ich habe vor einiger Zeit Don Giovanni inszeniert und
gleichzeitig den Fliegenden Holländer vorbereitet, beides
Stücke über die Treue. Bei Giovanni liegt die Untreue
angeblich auf der Männerseite - doch wenn er so viele tausend
Frauen gehabt hatte, dann muß ja auch die Frau jeweils untreu
gewesen sein. Und der Holländer hat bei seinen zweihundert
Jahren auf dem Meer keine Frau gefunden, die ihm treu bleiben kann.
Es geht ja nicht darum, dass eine ihn liebt, sondern dass sie ihm
treu ist. Sentas schneller Freitod ist nötig, damit sie gar
nicht in Gefahr gerät, untreu zu werden.
Das weiblich letzte "e" im Titel Cosi fan tutte
- "So machen es alle (Frauen) - nehmen Sie demnach überaus
ernst.
Ja. Wäre es ein "i" und würde sich damit
auf Männer beziehen, dann wäre das ja nichts Neues: Diese
Untreue ist allgemein toleriert. Wenn jetzt hier in Frankfurt eine
Frau Cosi inszeniert, denkt jeder, sie würde die Frauen
und ihre Unschuld verteidigen. Das ist aber nicht die Wahrheit.
Als Frau weiß man das. Es gibt Studien aus England, bei denen
60 Prozent aller befragten Mütter angegeben haben, dass das
erste Kind nicht von ihrem Ehemann sei. Das zweite Kind sei der
Studie nach immer ein eheliches, das dritte dann schon wieder in
30 Prozent aller Fälle nicht mehr. Das Kinder-Unterschieben
scheint in der Natur der Frau zu liegen. Das ist "Cosi fan tutte".... |